Vergessene
Denkmäler der Liebe
Der
Totenkronenbrauch in
Berlin und Brandenburg
Mit
einfühlsamen Worten hat Theodor Fontäne in seinen
„Wanderungen durch die Mark Brandenburg" wiederholt
die stille Poesie märkischer Kirchenräume
beschrieben, die seinerzeit noch mit Totenkronen reich
geschmückt waren. Im Unterschied zu ihm empfanden viele
Geistliche die Zeugnisse des nur geduldeten, da im Kern heidnischen
Totenkronenbrauches, als Staubfänger und Ablenkung für die
Gläubigen. Seit der 2. Hälfte des 19.
Jahrhunderts wurden sie massenhaft aus den Kirchen entfernt. Mit ihnen
ging auch das Wissen um ihre Bedeutung verloren.
Totenkronen waren im gesamten deutschsprachigen Raum vom Ende
des 17. Jahrhunderts bis weit ins 19. Jahrhundert hinein das wichtigste
Attribut beim Begräbnis ledig und meist jung
Verstorbener, das man als Hochzeit beging. Sie wurden als
Ersatz für die entbehrte Brautkrone und als Lohn für
ein tugendhaftes und jungfräuliches Leben verehrt. Aus den
Verstorbenen machten sie himmlische Bräute und
Bräutigame. Schon im Mittelalter gab man ledig
Verstorbenen bräutlichen Kopfschmuck mit ins Grab. Die
kostbarer werdenden Gebilde wurden schließlich zur
Repräsentation auf dem Sarg befestigt, den
hochzeitlich gekleidete junge Menschen zum Grab trugen. Die von
Gefährten oder Angehörigen gestifteten und meist auch
angefertigten Totenkronen wiesen eine erstaunliche Vielfalt in Form,
Material und Ausschmückung auf.
In Berlin und in allen Städten und Dörfern der Mark
Brandenburg pflegte man den Brauch offenbar in allen sozialen
Schichten. Auch der Adel beteiligte sich. Die Kronen hing man hier nach
dem Begräbnis zum ewigen Gedächtnis an die zu
früh Verstorbenen in der Kirche auf. Meist
genügte dafür ein Nagel.
Man fertigte aber auch gern zu ihrer Präsentation
Konsolbretter, verglaste Gehäuse und Bilderrahmen,
die an Wänden, Pfeilern und Emporen angebracht wurden - oft in
unmittelbarer Nähe zum Sitzplatz der Mutter.
Von 1671 datiert die älteste erwähnte Krone aus
künstlichen Blumen, die auf einem Konsolbrett
ausgestellt war.
Seine Blüte erlebte der Brauch offenbar in der zweiten
Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts. Dafür sprechen vor allem die in den
vergangenen Jahren entdeckten Zeugnisse. In Relikten lebte der
Brauch bis ins 20. Jahrhundert hinein fort.
Die hölzernen
Kronenbretter bilden
die umfangreichste und älteste Gruppe der erhaltenen
Denkmäler. Sie
sind mit wenigen Ausnahmen für nur eine Krone
konzipiert und mit dem
Namen, den Geburts- und Sterbedaten sowie oft auch der genauen
Altersangabe des Toten beschriftet. Häufig findet sich ein
liebevoller
Trostspruch des Verstorbenen an die Hinterbliebenen.
In
größerer Zahl überkommen sind
auch verglaste, hölzerne Kronenkästen, die vermutlich
um 1800 neben den
Brettern aufkamen und wohl eine städtische Erfindung
darstellen. Aus
der Spätphase des Brauchs stammen u. a. einige tiefe,
verglaste
Bilderrahmen mit Kränzen oder Kissen. Totenkronen selbst sind
nur
wenige erhalten geblieben.
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Die ländlichen Kronen bevorzug(t)en die Form der mit vielen
Bändern geschmückten Bügelkronen von 20 bis
30 cm Durchmesser und Höhe aus Immergrün und Blumen
sowie die des Kranzes.
Deutlich größer und sehr aufwendig mit
Kunstblüten besteckt sind die in St. Marien Bernau
aufbewahrten städtischen Totenkronen für
Bürgerkinder. Vermutlich wurden sie von Putzmacherinnen
hergestellt.
Noch findet man sie also in den Kirchen der Mark Brandenburg: die
vergessenen Denkmäler des Totenkronenbrauches.
Die wenigen bis heute erhaltenen Stücke sind vielfach in ihrem
Erhalt bedroht. Es wäre längst an der Zeit, sie als
einzigartige Zeugnisse der volkstümlichen Sepul-kralkultur zu
schätzen und zu schützen, bringen sie uns doch als
„Denkmäler der Liebe"
auf so berührende Weise menschliche Schicksale aus
Brandenburgs längst vergangenen Zeiten nahe.
Text: Dr. Sylvia Müller
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