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Streiflichter aus der Bezirksgeschichte von Marzahn Hellersdorf


Teil des Bezirkes Lichtenberg 1920 bis 1979


Am 1. Oktober 1920 trat das "Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin" in Kraft. Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Marzahn gehörten von nun an zu Berlin und wurden Teil des Bezirkes Lichtenberg. Nach der Eingemeindung verloren die Dörfer ihre kommunale und damit auch finanzielle Selbstständigkeit. Das Berliner Rieselgut Hellersdorf wurde 1922 Teil der neuen Berliner Stadtgüter GmbH. Gut, Schloss und Park Biesdorf kaufte die Stadt Berlin 1927 für sechs Millionen Mark. Nach der Eingemeindung kam es zu verwaltungsmäßigen Verschiebungen. Die Anstalt für Epileptische "Wuhlgarten" wurde aus Hellersdorf herausgelöst und Biesdorf angegliedert. Hellersdorf war kein selbstständiger Ortsteil, sondern als "Unterwohnplatz" Marzahn zugeordnet.

Die Bau  und Siedlungstätigkeit nahm unter den neuen Bedingungen einen weiteren Aufschwung. So erbaute die Siedlungsgenossenschaft "Lichtenberger Gartenheim" von 1924 bis 1932 nach Plänen des Architekten Bruno Taut über 400 Einfamilienhäuser in Mahlsdorf. Von 1928 bis 1933 entwickelten sich dort auch die Siedlungen "Eichenhof" und "Elsengrund". In Biesdorf entstand nach 1924 "Biesenhorst" auf dem Gelände des ehemaligen Luftschiffhafens. Auf der Grundlage einer Notverordnung der Reichsregierung wurden Stadtrandsiedlungen errichtet   1932 nördlich der Cecilienstraße, nach 1933 auch in Biesdorf Süd, Hellersdorf und Mahlsdorf Süd. Die 1920 in Kaulsdorf gegründete "Gemeinnützige Siedlungsgesellschaft Kaulsdorf m.b.H." baute auf einem bis dahin der Evangelischen Kirchengemeinde gehörigen Gelände, dem so genannten "Kirchendreieck". Während Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf zunehmend Vorstadtcharakter annahmen, behielten Hellersdorf und Marzahn ihren ländlichen Charakter bei. Diese Entwicklung widerspiegelte sich auch in den Einwohnerzahlen. Zwischen 1925 und 1933 stieg die Bevölkerung Mahlsdorfs mit 16.600 auf rund das Zweifache, die von Kaulsdorf wuchs von mehr als 5.200 auf fast 8.900. Besonders rasch entwickelte sich Biesdorf, das seine Einwohnerzahl mit ca. 12.300 mehr als verdoppelte. In Marzahn, einschließlich Hellersdorf lebten 1933 etwas über 2.300 Personen.

Aus dem raschen Anwachsen der Bevölkerung resultierten Bestrebungen, eigene Kirchgemeinden zu bilden und Räumlichkeiten für die Gemeindearbeit zu schaffen. In Biesdorf Süd fand evangelischer Gottesdienst erstmals 1921 durch den Alt Biesdorfer Pfarrer statt. Ihren eigenen Seelsorger erhielten die dortigen Gemeindemitglieder erst Anfang der 40er Jahre. Die neue evangelische Kreuz Kirche wurde 1936 in Mahlsdorf Nord geweiht und ein Jahr später in Mahlsdorf Süd das Theodor FliednerHeim als evangelisches Gemeindezentrum eröffnet. Für die Katholiken entstanden erstmals seit der Reformation eigene Gemeinden. 1925 erfolgte die Gründung der katholischen Pfarrgemeinde Mahlsdorf Kaulsdort. Die katholische Kirche St. Martin in Kaulsdorf wurde 1930 geweiht. In Biesdorf Süd eröffnete 1920 das von den Jesuiten betriebene Exerzitienhaus. Hier wurde seit den zwanziger Jahren auch katholischer Gottesdienst für die Bevölkerung abgehalten und 1939 die Herz JesuKuratie errichtet. Das Exerzitienhaus war über den Bezirk Lichtenberg hinaus von Bedeutung und diente der Durchführung von Kursen vor allem für Priester. Das Haus wurde außerdem als Erholungsheim genutzt. In Biesdorf Nord fand katholischer Gottesdienst ab 1935 statt. Eine eigene Kuratie gab es seit 1936, die am 14. Dezember 1958 zur Pfarrgemeinde erhoben wurde. 1920 gründete sich die Kaulsdorfer Gemeinde der Neuapostolischen Kirche, 1926 erfolgte der Bau ihres Kirchenlokals in der Adolfstraße.

Die Bevölkerungsentwicklung machte die Erweiterung der kommunalen Einrichtungen erforderlich. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Dörfer neue, größere Schulgebäude erhalten, so 1905 Mahlsdorf, 1911 Biesdorf und Kaulsdorf sowie 1912 Marzahn. Die nach 1920 erbauten bzw. umgestalteten Schulen waren nach modernen Gesichtspunkten mit verschiedenen Fachunterrichtsräumen versehen. Die Biesdorfer Schule wurde 1928/1929 erheblich ausgebaut. Neue Schulen entstanden 1928 in Kaulsdorf Süd, 1935 in Mahlsdorf Nord und 1936/1937 in Mahlsdorf Süd. Für die Schüler verkürzten sich dadurch die Schulwege erheblich. Bereits ab 1921 beherbergte das Mahlsdorfer Gutshaus ein Kindererholungsheim. In Biesdorf Süd eröffnete 1930 ein Altersheim. Es war die erste nach 1920 in Berlin errichtete Einrichtung dieser Art und für Einwohner der ganzen Stadt bestimmt.

Auch die Verkehrsstruktur wurde nach dem Ersten Weltkrieg den gewachsenen Bedürfnissen angepasst. 1928 erhielten die Bahnhöfe Biesdorf und Kaulsdorf Anschluss an das elektrische S Bahnnetz. 1930 folgte Mahlsdorf. Das kam nicht zuletzt den Neuangesiedelten zugute, von denen nicht wenige in der Innenstadt arbeiteten. Ende der zwanziger Jahre setzte auch der Busverkehr ein. 1928 nahmen die Linie vom Bahnhof Kaulsdorf nach Friedrichsfelde, im folgenden Jahr die von Kaulsdorf Süd nach Köpenick den Betrieb auf. Ab 1928 gab es ebenfalls für Marzahn eine Busverbindung. Erst dadurch wurde der Ortsteil in das hauptstädtische Verkehrsnetz einbezogen.

Politisch dominierte in Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf in der Zeit der Weimarer Republik die SPD, die bei Wahlen die stärkste Partei war. Auch die Kommunisten hatten einen beträchtlichen Stimmenanteil. Ihre Wähler waren vor allem die zugezogenen Arbeiter. Anders war es in Marzahn, wo jahrzehntelang konservativ gewählt wurde und die Deutsch Nationale Volkspartei 1928/29 noch etwa 30 Prozent erreichte. Die SPD lag hier noch hinter der KPD zurück. Zu Beginn der 30er Jahre trat eine Verschiebung des politischen Kräfteverhältnisses ein. Die NSDAP wurde zu einer wichtigen politischen Kraft. In Kaulsdorf hatten die Nazis bereits 1926 eine Ortsgruppe gebildet und im gleichen Jahr trat Josef Goebbels in einer Kundgebung der Partei im "Bundesschützenhaus" auf. In Marzahn, einschließlich der wenigen Hellersdorfer, wurde die NSDAP schon 1930 die stärkste Partei. In Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf erreichte sie dies erstmals bei den Reichstagswahlen 1933. Zu den Kommunalwahlen eine Woche später kandidierte auf der NSDAP Bezirkswahlliste an erster Stelle Herbert Volz aus Biesdorf. Er wurde kommissarischer Bürgermeister von Lichtenberg.

Die grundlegend veränderten politischen Verhältnisse griffen in viele Lebensbereiche ein. Zunehmend wurde die Ideologie und Praxis der Nazis für jeden Bürger spürbar, alle Parteien außer der NSDAP waren verboten. In der Landwirtschaft zeigte das "Reichserbhofgesetz" von 1933 Wirkung. Bauern ließen ihre Höfe zu Erbhöfen erklären, wobei Marzahn die größte Zahl an Erbhöfen im Bezirk Lichtenberg aufwies. Die Siedlungstätigkeit wurde verstärkt fortgeführt und propagandistisch aufgewertet.

Die Jahre der NS Herrschaft waren geprägt von politischer und rassischer Verfolgung. Die Rassenpolitik führte zur Vernichtung oder Vertreibung der meisten der jüdischen Einwohner. Eines der ersten Opfer in Berlin war der jüdische Arzt Dr. Arno Philippsthal, der seit 1919 in Biesdorf gelebt und praktiziert hatte. 1936 wurde für Sinti und Roma nördlich des Friedhofes am Wiesenburger Weg in Marzahn ein Zwangslager eingerichtet. Die meisten Festgesetzten wurden in Konzentrationslager deportiert, nur einige überlebten. Die Anstalt Wuhlgarten wurde in das Euthanasieprogramm einbezogen. Seit etwa Mitte 1940 wurden von dort Patienten in Tötungsanstalten verbracht. Nach dem Beginn des Krieges wurden in allen Ortsteilen Zwangsarbeiterlager, vor allem des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Berlin (GBI) und der Reichsbahn, errichtet. Mehr als 30 Lager für Tausende von Menschen sind nachgewiesen. Das heutige Krankenhaus Hellersdorf wurde als GBI Krankenhaus erbaut und betrieben. Zwei Zwangsarbeiterlager bestanden auch auf dem Gelände der Carl Hasse & Wrede GmbH in Marzahn. Der Betrieb, ein Tochterunternehmen der Knorr Bremse AG, wurde zwischen 1940 und 1942 errichtet. Er war Leitbetrieb der deutschen Wehrwirtschaft und seit 1944 "Nationalsozialistischer Musterbetrieb".

Aber es gab auch Menschen, die Verfolgten halfen oder sogar aktiv Widerstand leisteten. Die meisten, vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, bezahlten das mit Folter, Zuchthaus oder gar mit dem Leben. Unter ihnen Hans Neue, Karl Vesper und Arthur Weißbrodt aus Mahlsdorf, Fritz Engler und Willi Schiehorn aus Kaulsdorf sowie Gerhard Beyer und Bruno Lieberwirth aus Biesdorf. Auch im Marzahner Betrieb der Carl Hasse & Wrede GmbH gab es eine Widerstandsgruppe. Heinrich Grüber, der seit 1934 Pfarrer in Kaulsdorf war, setzte sich mit seinem "Büro Grüber" für rassisch Verfolgte ein und war von 1940 bis 1943 im Konzentrationslager inhaftiert.

Der 1939 von Deutschland begonnene Krieg forderte zunehmend auch in den Berliner Außenbezirken seinen Tribut. Seit 1943 verstärkten sich die Bombenangriffe, es waren immer mehr Menschenleben und materielle Schäden zu beklagen. Am 21. April 1945 befreite die Rote Armee Marzahn, einen Tag später auch die anderen Ortsteile vom Faschismus.

Noch im April 1945 wurden Militärkommandanten der Roten Armee eingesetzt und Kommandanturen eingerichtet. Für die Bevölkerung brachte die Besatzung erhebliche Belastungen durch Einquartierungen und Beschlagnahmungen mit sich. Es kam zu Übergriffen durch Rotarmisten wie Raub, Vergewaltigung und Mord. In Biesdorf mussten zahlreiche Wohnhäuserfür leitende Funktionäre des Berliner Magistrats geräumt werden. Tausende Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten wurden im Marzahner Bunker und im ehemaligen Zwangsarbeiterlager am Bruchgraben in Biesdorf untergebracht.

Große Anstrengungen unternahmen die Besatzungsmacht und die von ihnen eingesetzten Verwaltungen, das normale Leben wieder in Gang zu bringen. Der einzige größere Betrieb, die Carl Hasse & Wrede GmbH in Marzahn wurde im Rahmen der von Deutschland zu erbringenden Reparationsleistungen zum größten Teil demontiert und in die UdSSR gebracht. Das in Berlin weiter existierende Unternehmen wurde nachfolgend verstaatlicht und 1951 nach verschiedenen Zusammenlegungen der,VEB Berliner Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn (BWF) gebildet. Die kleineren gewerblichen Betriebe Wurden zunächst privat belassen. Später entstanden so genannte "halbstaatliche Betriebe", die Anfang der siebziger Jahre "volkseigen" wurden. Das betraf in Kaulsdorf die 1932 gegründete Spirituosenfabrik Schilkin. Auch größere handwerkliche Betriebe, die sich zu Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) zusammengeschlossen hatten, wurden in dieser Zeit verstaatlicht. So wurde die 1958 gebildete PGH Elektromechanik Kaulsdorf zum VEB Elektromechanik Kaulsdorf und war einer der wichtigsten Produzenten von Kaffeemaschinen in der DDR. Auch die landwirtschaftlichen Güter in Hellersdorf und Biesdorf, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst in sowjetischem Besitz waren, wurden volkseigen. Bei den privaten Bauern begann ab 1952 die Kollektivierung durch die anfangs oft freiwillige, zunehmend jedoch durch politischen und wirtschaftlichen Druck erzwungene Bildung von Produktionsgenossenschaften. Die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Berlin mit dem Namen "Neue Ordnung" gründete sich 1953 in Marzahn. Sie fusionierte später mit denen in Biesdorf und Eiche/Ahrensfelde. Auch in Kaulsdorf und in Mahlsdorf entstanden solche Genossenschaften. Gärtnerische Produktionsgenossenschaften gab es in Biesdorf, Mahlsdorf und Marzahn.

Insgesamt führten die Orte weiterhin ein Dasein am Rande Berlins, auch wenn einige zentrale Einrichtungen vor allem in Biesdorf ihren Standort erhielten. So entstanden hier in den 50er Jahren ein Studentenwohnheim der Berliner Humboldt Universität und eine Wohnsiedlung für Angehörige der DDR Streitkräfte. Es gab eine Schule der Volkspolizei und eine SED Parteischule. Außerdem begann im ehemaligen Mahlsdorfer Kino "Lichtburg" 1977 die Fertigung des "Sandmännchens" des DDR Fernsehens. Überregional bekannt wurde das 1960 eröffnete Gründerzeitmuseum in dem von Charlotte von Mahlsdorf vor dem Abriss bewahrten Gutshaus in Mahlsdorf. Die Siedlungsstrukturen blieben im Wesentlichen erhalten. In den siebziger und achtziger Jahren brachte der Ausbau der heutigen Bundesstraße 131/5 einschneidende Veränderungen für Biesdorf und Mahlsdorf, denen Teile der alten Dorfkerne zum Opfer fielen. Während Marzahn und Hellersdorf bis dahin weitgehend unberührt blieben, wirkte sich der Bau der Großsiedlungen um so mehr auf diese Orte aus.

Text: Dr. Christa Hübner / Dr. Monika Ranke, Fotos: Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf


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