Am
Wuhlebogen im Urstromtal
Im Unterschied zur leicht
welligen Hochfläche des Barnim bildet das Urstromtal bis hin zur
Spree eine Ebene mit nur geringen Höhenunterschieden. Der
geologischen Karte nach zu urteilen, bewegt sich die Wuhle in der
Spreeniederung ebenfalls durch eine eigene Talrinne. In dem sandigen
Boden konnte sich auch hier nach der letzten Eiszeit auf einer Breite
von ca. 200 m um das Fließ ein Flachmoor ausbilden. Heute ist
jedoch nur an wenigen Stellen noch ein Geländeabfall zur Wuhle hin
zu bemerken.
Für das Landschaftsbild stellt die Bundesstraße 1/5 mit
ihrem aufgeschütteten Fahrdamm eine Art Scheidelinie dar:
Nördlich davon durchfließt die Wuhle eine weite
Wiesenlandschaft, unmittelbar südlich der Straße beginnt ein
Siedlungsgebiet, das schon auf den ersten Metern das
Flüßchen einengt.
Von hier an ist der Wuhle-Grünzug bis nach Köpenick in einen besonderen Typ von Stadtlandschaft
eingebettet, der sich erst in neuerer Zeit herausgebildet hat.
Auf Karten vom Ende des 19. Jahrhunderts sind zwischen Barnimrand und
Spreemündung in Köpenick nur wenige Häuser verzeichnet.
Inzwischen ist das Gebiet weitgehend parzelliert und besiedelt,
frühere Waldgebiete und landwirtschaftliche Flächen sind
verschwunden oder zu kleinen Inseln geschrumpft. Kleingartenanlagen und
Einfamilienhäuser mit Gärten bestimmen seither das Bild.
Dazwischen finden sich immer wieder alte Alleen und Plätze, die
meist schon in den Gründerjahren angelegt wurden.
Zwar wurde mit den Siedlungsgebieten der Naturraum um die Wuhle
überbaut und eingeengt, doch haben sie - im Unterschied zu den
innerstädtischen "Belastungsräumen" - noch immer eine
beachtliche stadtökologische Funktion. Das betrifft die Wirkung
auf das Klima ("Frischluftentstehungsgebiet"), die Neubildung von
Grundwasser durch bessere Versickerungsmöglichkeiten und
schließlich auch ihre Bedeutung als Lebensraum für Tiere und
Pflanzen. Die rege Bautätigkeit der letzten Jahre, die mit einer
stärkeren Versiegelung des Bodens und oft auch mit dem
Verschwinden gebietstypisch bepflanzter Gärten einhergeht,
schmälert allerdings diese Ausgleichsfunktion. Auch ist zu
befürchten, dass dabei das typische Gesicht dieser Quartiere, das
über Jahrzehnte gewachsen ist, mehr und mehr verloren geht.
Das Gewässer, das als "Wuhle" durch die Siedlungsgebiete
fließt, hat mit der Naturwuhle, die bei Ahrensfelde an die
Oberfläche tritt, nur noch wenig zu tun. Nach dem Zusammenfluss
mit dem Klärwerksableiter (Neue Wuhle) stammt der
größte Teil des Wassers aus dem Klärwerk Falkenberg
oder aus kanalisierten Regenabflüssen, die aus den Neubaugebieten
von Marzahn und Hellersdorf zufließen.
Auch wurde das Fließ so ausgebaut, dass es in möglichst
kurzer Zeit große Wassermassen ableiten kann. So erklären
sich die Begradigung und Eintiefung des Gewässers, der
Neigungswinkel der Böschung und die Sicherung der Ufer mit
Schotterbelag. In dem Abschnitt bis zur
Heesestraße/Heerstraße beschreibt die Wuhle einen
großen Bogen. So ergeben sich mehrere Biegungen, die im Vergleich
zu den begradigten Gewässerstrecken eine wohltuende Abwechslung
bieten. Da die Uferbepflanzung immer wieder Durchblicke erlaubt, ist
auch erlebbar, wie sich die Wuhle hier durchs Gelände windet.
Das wechselnde Landschaftsbild wird vor allem durch die Vegetation
geprägt: Streckenweise sind die Uferbereiche gehölzfrei,
andere Stellen sind dicht mit Bäumen und Büschen bewachsen.
Dabei spiegelt das breite Artenspektrum die unterschiedlichen Nutzungen
wider, denen das Wuhletal unterliegt.
So ergibt sich ein buntes Mosaik von Ziergehölzen und
gebietstypischen Bäumen und Büschen. Der Gehölzbestand
ist relativ jung, um so auffälliger sind einzelne Altbäume in
den Gärten oder die Gruppe hoher Weiden am Binsengrund.
Für das weitere Umfeld der Wuhle auf westlicher Seite ist das Entwicklungsgebiet Biesdorf-Süd
bestimmend, insbesondere die Wohnungsbaustandorte Grüne Aue und
Habichtshorst. Nach Planungen des Senats entsteht um den U-Bahnhof
Elsterwerdaer Platz ein neues Stadtquartier, in dem künftig ca.
10.000 Menschen wohnen werden. Dabei war von Anfang an eine Verbindung
des neuen Quartiers sowohl zu den Grünflächen um den
Biesdorfer Baggersee als auch zum Wuhle-Grünzug vorgesehen. Teile
davon, so die "Schmetterlingswiesen" in Habichtshorst, wurden
inzwischen fertig gestellt.
Östlich der Wuhle wird das Landschaftsbild zwischen der
Straße Alt-Kaulsdorf (B1/5) und der Heerstraße durch
ältere Siedlungsgebiete bestimmt. In der weiteren Umgebung, vor
allem an der Chemnitzer Straße, hatte sich vor langer Zeit auch
Gewerbe angesiedelt. Zwei Schornsteine weisen heute noch darauf hin.
Einer davon gehört zu einer ehemaligen Gärtnerei, auf deren
Gelände eine neue Wohnanlage errichtet werden soll.
Die Bebauung beiderseits der Wuhle hat meist nur einen schmalen
grünen Korridor freigelassen. Doch auch dieser Rest eines
Naturraums behält seine Bedeutung für Tiere und Pflanzen.
Überall dort, wo sich Flächen mit einer strukturreicheren
gebietstypischen Vegetation erhalten haben bzw. herausbilden konnten,
findet sich auch bei den Tieren ein etwas breiteres Artenspektrum.
Außer Bäumen und Büschen sind auch die
Brachflächen an der Wuhle ein wichtiger Lebensraum für Tiere
und Pflanzen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die
Freifläche nördlich der Brücke
an der Heerstraße/Heesestraße. Solche
"Ödländer" sind meist die einzigen Flächen, wo
überhaupt noch Wildkräuter wachsen, die ihrerseits die
Lebensgrundlage für zahlreiche Insekten bilden.
Für den Wuhle-Grünzug als ökologischen "Korridor"
bedeutet die Brücke an der Heerstraße/Heesestraße und
die hier errichtete wasserwirtschaftliche Anlage eine empfindliche
Barriere. Die heutige Brücke wurde 1953 als Ersatz für eine
kleine baufällige Brücke errichtet, die auf Holzpfählen
im Moorboden stand.
Bei den Bauarbeiten konnte man einen der berühmtesten
steinzeitlichen Funde aus dem Berliner Raum bergen. In einer Tiefe von
5,5 m fand man eine Hirsch-Maske aus der mittleren Steinzeit. Diese
Fundstätte sowie die neueren Ausgrabungen in Habichtshorst
verweisen darauf, dass das Wuhletal schon seit langer Zeit von Menschen
bewohnt und damit auch beeinflusst wurde.
Von der Heerstraße ist es nicht weit bis zu den Kaulsdorfer Seen. Um diese Seen hat
sich eine bemerkenswerte Landschaft herausgebildet. Das beginnt schon
beim Geländeprofil. Deutlich sichtbar stoßen hier zwei
Großformen der Berliner Landschaft, der Barnim und das
Urstromtal, aufeinander, der sanft modellierte Hang bildet die
Nahtstelle beider Naturräume. Von diesem 'Berliner Balkon' aus
fällt der Blick auf eine erstaunlich vielfältige Landschaft.
Neben den Seen mit ihrer Ufervegetation finden sich weiträumige
Wiesenflächen, Gartenanlagen und Siedlungen. Zum
abwechslungsreichen Gesamtbild tragen auch der Wald um das Wasserwerk
sowie Weidengebüsche und Hecken bei. Kein Wunder, dass dieses
Gebiet zahlreiche Erholungssuchende anzieht.
1994 wurde das Areal um die Seen (ausgenommen ist der Elsensee) zum
Landschaftsschutzgebiet erklärt. Dabei geht es laut Berliner
Naturschutzgesetz nicht nur um den Schutz der "Vielfalt, Eigenart oder
Schönheit des Landschaftsbildes", sondern auch um die "Erhaltung
oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts".
Tatsächlich hat sich das Gebiet um die Kaulsdorfer Seen zu einem
bedeutsamen Reservoir für den Biotop- und Artenschutz entwickelt.