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Berliner Stadtteilzeitung




Ausgabe 323, 01.05.2006
Singen mit Höhen und Tiefen



Das Leben ist wie eine Sinuskurve: Auf das Hoch folgt ein Tief – fortwährend. Mut und Lebenskraft schöpft man am ehesten aus Einsicht in diesen Verlauf. „Mit dem Singen ist es da nicht anders“, sagt der Hellersdorfer Sänger Joachim Dieckmann.

Singen mit Höhen und Tiefen

Die Stimme ist geprägt von dem Erlebten. Sie tut es dem Menschen gleich, der im Leben wächst, mal zu glücksvollen Höhen aufsteigt und mal verzweifelt. Singen sei wie Fliegen, weil es einer besonderen Form der Spannung, der Konzentration bedarf. Umso schwerer fällt es zu glauben, dass Joachim Dieckmann, Jahrgang 1950, erst vor drei Jahren zum Singen fand, nachdem er selbst schon alle Höhen und Tiefen des Lebens durchlaufen hatte.

Bereits im zarten Alter von vier Jahren wollte er Dirigent werden. Die Mutter, eine Operettenliebhaberin weckte seine musikalische Ader. Mit 14 folgte der Traumberuf des Opernsängers, doch wie so oft scheiterte dieser Wunsch am Realismus des Elternhauses. Als Joachim Dieckmann 1975 nach Berlin kam, trat er der renommierten Singakademie bei, doch auch hier kam er vom musikalischen Weg ab. Schließlich studierte er Maschinenbau, machte seinen Diplom-Kaufmann und begab sich in die Selbstständigkeit.

Nach dem Tod seiner Frau und konfrontiert mit der Krise der Baubranche entschied er sich 2003, den Beruf an den Nagel zu hängen und der alten Leidenschaft, dem Singen, zu frönen. Er besuchte die Treptower Chorgemeinschaft pro musica, deren Stimmenbildnerin sofort Interesse an seiner Stimme zeigte. Herr Dieckmann trat dem Chor bei und begann autodidaktisch das Klavierspielen zu lernen. Schon im Jahr darauf nahm er als 370. Bewerber an einem deutschlandweiten Sängerwettstreit in Frankfurt am Main teil und verfehlte die Top Ten nur knapp. In Anbetracht der kurzen Unterrichtszeit sei das ein kleines Jahrhundertphänomen, bescheinigte die dortige Musikberatung. Für Herrn Dieckmann war das der Beweis, dass auch Mittfünfziger heutzutage noch etwas auf die Beine stellen können.

Mittlerweile singt er nur noch als Solist, das Repertoire reicht vom Kunstlied über Operette und Oratorium bis zum Volkslied. Sein erstes eigenes Konzert gab der Bass-Bariton im März im Kulturforum Hellersdorf, begleitet von der Konzertpianistin Irina Waldow. Am liebsten tritt er in Seniorenstätten auf, dort treffe er stets ein aufmerksames, angenehmes Publikum. Sein Ziel ist es, einmal auf einer Opernbühne zu stehen um von dort aus die Musikwelt zu erobern. Ideen zu haben, Verantwortung zu übernehmen und sich auch mal Fehler einzugestehen, darauf komme es an, denn das Singen ist wie das Leben: eine Sinuskurve.

Denise Langenhan

Beitrag von Die Hellersdorfer
Artikel vom 01.05.2006 - 19:45 Uhr

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