Themenbereiche
|

|
 |
| Berliner Stadtteilzeitung | |
|
|
Ausgabe 338, 01.08.2007 AUS DEM GERICHTSSAAL Zu viele Probleme unter einem Dach
Sie lebten zu fünft in einer Drei-Raum-Wohnung, und vertrugen sich wohl selten. Die Polizei musste mehrfach zu Cornelia R.*, ihrem damaligen Lebensgefährten und den drei erwachsenen Kindern anrücken.
Mal hatten Nachbarn um Hilfe gebeten, weil es unerträglichen Lärm gab, mal wählte ein Familienmitglied den Notruf, weil der Streit aus dem Ruder zu laufen drohte. Nun sitzt die Mutter mit ihrem ältesten Sohn auf der Anklagebank. Die beiden sollen heftig zugelangt haben, als der langjährige Partner der Frau die Nase voll hatte und aus der Hellersdorfer Wohnung ausziehen wollte. Ein blaues Auge, blutende Lippe und Hämatome am Oberkörper listet die Staatsanwältin an Verletzungen auf. Außerdem hätten sie dem Mann die EC-Karte gestohlen.
„Ganz so war das aber nicht“, haucht Cornelia R., eine dezent geschminkte Frau mit Schatten unter den Augen. Wie sie sich die deutlichen Blessuren des Mannes erkläre, forscht die Richterin. Die 49-jährige Angestellte zuckt mit den Schultern. „Na, er ist wohl hingefallen.“ Nach ihrer Version war sie in der Küche, als es im Wohnzimmer handgreifl ich wurde. „Da gab es aber bestimmt keine absichtlichen Schläge, Tritte oder so“, verteidigt sie ihren Sohn. Peter R.*, ein arbeitsloser Maurer von 29 Jahren nickt. „Richtig“, meint er. Bernd A.* sei mächtig sauer gewesen. Alles nur ein Ausrutscher? Bernd A. sitzt mit hängenden Schultern auf dem Zeugenstuhl. Knapp vier Jahre lebte er mit Frau R. zusammen. Als er bei ihr einzog, wohnte nur noch Tom*, der mit 21 Jahren Jüngste zu Hause. „Wir verstanden uns prima“, sagt der Zeuge. Dann aber kam die 25-jährige Tochter nach einer gescheiterten Beziehung zurück, vor knapp einem Jahr auch der mit Schulden beladene und vorbestrafte Sohn Peter. „Und meine Cornelia wollte alles richten.“ Der 55-jährige Bernd A. seufzt: „Das waren zu viele Probleme unter einem Dach.“ Vor allem Peter habe Streit provoziert, wenn er nachts angetrunken nach Hause kam. „Manchmal hat er randaliert. Wir waren total überfordert.“ Die Mutter suchte eine kleine Wohnung für den Großen. Er aber lehnte jedes Angebot ab.
Bernd A. arbeitet als Hausmeister. Er kommt ganz gut über die Runden. „Aber Peter verlangte, dass ich 650 Euro im Monat Kost und Logis zahlen sollte“, schimpft der Zeuge. „Dabei hatte ich gar keinen Platz mehr in der Wohnung.“ Er und Cornelia R. hätten nach dem Einzug der älteren Kinder auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen. „Nur vorübergehend“, hieß es am Anfang. „Aber es wurde ein Dauerzustand“, stöhnt A. Auszug schien ihm die einzige Lösung. „Obwohl ich die Cornelia bis heute mag“, gesteht A. Als die Frau an jenem Abend im November sah, dass er seine Sachen packte, reagierte sie heftig. „Sie heulte, schimpfte und kippte meine Tasche wieder aus.“ Der Lärm lockte Peter an. „Er brüllte wie ein Stier, stieß mich gegen die Tür und schlug mit der Faust zu.“ Bernd A. fl üchtete nach der Attacke. Blutend, barfuss und ohne Jacke saß er im kalten Keller, als ihn ein Nachbar entdeckte. Dieser rief sofort die Polizei. In der Hosentasche von Peter wurde die EC-Karte des Opfers gefunden.
Die Mutter stößt den Sohn leicht an. Es ist eine Aufforderung, der er nach leichtem Zögern nachkommt. „Ist alles blöd gelaufen, hatte bisschen viel getrunken, habe eine Therapie angefangen“, nuschelt der junge Mann. Er wolle sich entschuldigen. Bernd A. nickt: „Sieh jetzt zu, dass du dein Leben auf die Reihe kriegst.“ Ein Jahr und vier Monate Haft auf Bewährung sowie 100 Stunden gemeinnützige Arbeit verhängt die Richterin gegen den Sohn. Im Falle der Mutter entscheidet sie auf Freispruch.
Kerstin Berg (*Namen von der Red. geändert) | |
|
|
|
Artikel vom 01.08.2007 - 11:25 Uhr |
|
|
|